„Die vorausgehen, müssen belohnt werden"

Die Geschäftsführerin vom Bundesverband der grünen Wirtschaft UnternehmensGrün e. V. Dr. Katharina Reuter setzt sich dafür ein, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen in der Politik Gehör finden. Der Verband mit 300 Mitgliedern setzt so Akzente in der politischen Diskussion um Zukunftsthemen.

 (Quelle: Caro Hoene)

Was ist das Tätigkeitsfeld des Bundesverbandes UnternehmensGrün?

Der Bundesverband ist die politische Stimme der nachhaltigen Wirtschaft. Der Verband wurde vor 26 Jahren in Baden-Württemberg gegründet, um Wirtschaft und Umwelt zusammen zu denken. Für diese Idee treten wir ein.

Wer ist Mitglied?

Es sind viele Pioniere der nachhaltigen Wirtschaft dabei,Mittelständler aus verschiedenen Branchen, aber auch Hotels und grüne Start-ups. In den allermeisten Fällen bieten unsere Mitglieder ein grünes Produkt oder eine grüne Dienstleistung an. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft tragen möchten und um die Notwendigkeit politischer Leitplanken wissen. Eine Besonderheit ist dabei, dass wir branchenübergreifend aufgestellt sind. Der Verband ist für seine Mitglieder daher auch ein starkes Netzwerk für praktische Fragen der nachhaltigen Unternehmensführung und auch für Geschäftsbeziehungen.

Was bedeutet nachhaltiges oder grünes Wirtschaften aus Sicht von UnternehmensGrün?

Uns begegnet häufig die Haltung von klassischen Wirtschaftsverbänden, dass das, was sie machen, doch auch nachhaltig sei und zwar in ökonomischer Hinsicht. Unser Verständnis geht aber deutlich weiter. Es bezieht alle drei Säulen ein, d. h. die wirtschaftliche, ökologische und soziale Ebene. Dabei gibt es natürlich viele Abstufungen, weil der Begriff Nachhaltigkeit nicht geschützt ist.

Was sind wirksame Reporting-Instrumente fürnachhaltiges Wirtschaften?

Aus unserer Sicht gibt es hier nicht die eine allgemeingültige Antwort. Für große Unternehmen ist oft ein Reporting nach der Global Reporting Initiative sinnvoll, obgleich sie unserer Meinung nach nicht weit genug geht, denn viele Angaben sind freiwillig – mit der Folge, dass die Ergebnisse schlecht vergleichbar sind. Wir freuen uns über innovative Ansätze wie die Gemeinwohl-Ökonomie oder auch die junge Initiative BeCorp, ein Netzwerk aus den USA.

Im Bereich Umweltmanagement ist sicher EMAS – Eco-Management and Audit Scheme – ein wirksames und anspruchsvolles Instrument.

In was für einem Markt befinden sich nachhaltige Unternehmen derzeit?

Die Unternehmen, die in Sachen Nachhaltigkeit vorangehen, befinden sich zurzeit auf einem unfairen Markt. Sie stehen im unmittelbaren Wettbewerb mit Unternehmen, die sich um diese Ziele nicht kümmern und ihre Produkte daher preisgünstiger anbieten können. Für Kunden ist der Produktunterschied aber nicht immer ersichtlich. Ein Nachhaltigkeitssiegel mit definiertem Produktionsprozess oder Richtlinienprozesse gibt es nicht in allen Branchen. Wir möchten daher, dass Preise die ökologische und soziale Wahrheit sagen. Es müssen die Unternehmen, die vorausgehen, für ihre nachhaltige Leistung belohnt werden.

Warum könnte das möglich werden?

Die Klimakatastrophe, sichtbar geworden z. B. durch den extrem heißen Sommer, muss dazu führen, dass man auch in Deutschland umdenkt. Das lapidare Verpassen der Klimaziele 2020 lässt die Bevölkerung der Bundesregierung nicht wirklich durchgehen. Die Mehrheit ist für stärkere Klimaschutzbemühungen. Wir gehen daher davon aus, dass sich im Bereich CO2-Bepreisung etwas tun wird.

Stichwort Plastik: Wird die Politik bei der Vermeidung letztlich weiter auf freiwillige oder doch auch auf ordnungsrechtliche Maßnahmen setzen?

Unsere Einschätzung und alle Signale, die wir aus Brüssel bekommen, weisen darauf hin, dass es auch ordnungsrechtliche Vorgaben geben wird im Sinne von Verboten zumBeispiel bestimmter Einwegartikel. Welche Stellschraubeam Ende gewählt werden wird, ist noch nicht absehbar,aber dass der Rohstoff zur Plastikherstellung verteuert werden muss, damit Alternativen im fairen Wettbewerb stehen – das wird kommen. Das Thema wird übergreifend als Problem erkannt.

Das Thema Energie spielt für die Gastgeberbranche eine wichtige Rolle. Der Staat fördert bereits viele Maßnahmen. Was muss dennoch besser werden?

Wir sehen, dass die Low Hanging Fruits, d. h. die niedrig-investiven Maßnahmen seitens der Unternehmen abgeerntet sind. Jetzt geht es um teure Maßnahmen wie den Austausch eines Heizkessels oder ein neues Heizungssystem.

Hier geht es um die Frage, in welchem Zeitraum sich eine Investition zur Energieeffizienz rechnen muss. Aus unserer Sicht braucht es ein Bewusstsein, dass die Amortisationsdauer nicht so kurz angesetzt werden darf. Man muss hier einen längeren Atem haben und nicht sagen, alles, was länger als fünf Jahre dauert, mache ich nicht. Dafür müssen auch Förder- und Anreizsysteme einfacher gestaltet werden.

In der Diskussion um Nachhaltigkeit geht es auch um Lebensmittelverschwendung. Worauf kommt es hierbei aus Sicht von UnternehmensGrün an?

Lebensmittelverschwendung hat verschiedene Dimensionen. Natürlich kommt es darauf an, die Verschwendung auf allen Stufen zu verringern. In der Hotellerie und Gastronomie sind beispielsweise die Abfälle in der Küche ein großer Faktor. Das Potenzial von Lebensmittelabfall als Nährstoff- oder Energiequelle wird noch gar nicht richtig genutzt. Erst vor Kurzem war ich bei einem Start-up-Pitch, bei dem ein Komposter vorgestellt wurde, der innerhalb von 48 Stunden aus Lebensmittelabfällen organischen Dünger macht. Dieser Ansatz muss sicherlich weiter ausreifen, aber in diese Richtung sollten wir weiterdenken. Und wir brauchen mehr Akzeptanz für krummes Gemüse und endlich das Verständnis dafür, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht automatisch ein Wegwerfdatum ist.

Herzlichen Dank!

Das Gespräch führte Katharina Höhnk.

12/2018
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